Demokratische Abgründe
Schlechte Nachrichten aus aller Welt. Sie kamen nicht explizit am Freitag, den dreizehnten, sondern eher zu anderen Zeitpunkten, vor allem dieser Tage, sprich eine Woche später.
Selbst hier auf Mallorca lässt es die Menschen nicht unberührt, wenn sie die jüngsten Ereignisse in Afghanistan verfolgen.
Die Meldungen sind schlimm. Irgendwo in Deutschland weinen in diesen Minuten einige Familien in grosser und verzeifelter Angst oder sogar Trauer um ihre Liebsten. Genau in diesem Moment, während ein Kolumnist diese Zeilen hier abtippt. Und Sie können mir glauben, verehrte Leser, auch mich erfüllt dies mit Trauer und Schmerz.
Die Frage nach dem Wieso und Warum könnte mir beinahe den Verstand rauben, lässt mich schier verzweifeln. Zumeist befasst man sich allerdings nicht damit. Zu menschlich ist es doch, wenn wir Unangenehmes nur zu gerne verdrängen.
Es hätte jedoch vielleicht auch jemanden aus meinem oder Ihrem Umfeld treffen können, der auf Befehl der deutschen Politik in Berlin nach Afghanistan gegangen wäre. Daher ist Verdrängen jetzt und heute genau das Falsche.
Mein Mitgefühl mit den Angehörigen der in diesen Stunden von unendlicher Trauer verzweifelten Familien vermischt sich allerdings auch mit immer stärker werdenden Gedanken, die mir meinen Hals ganz gehörig anschwellen lassen.
Wieso müssen deutsche Soldaten und Zivilisten im Auftrag der deutschen Politik nach Afghanistan. Für wen und für was sterben dort jetzt unsere Landsleute eigentlich. Wir hatten doch einmal ganz andere Lehren aus den schlimmen Ereignissen des letzten Weltkrieges gelernt. Kein deutscher Soldat auf fremden Boden hiess es doch einmal.
Fast sechzig Millionen Tote lasten bis heute noch als schwere Schuld auf Deutschland, und dort insbesondere auf den Schultern der Politik und des Militärs. Wieso und warum müssen deutsche Tornados sich an Kriegshandlungen in Afghanistan beteiligen und damit die in den letzten Jahren, für alle Welt sichtbar, immer stärker unmoralisch und unethische handelnde Bush-Administration unterstützen.
Mein Vater pflegte früher immer zu sagen, wenn Deine Freunde sagen, spring aus dem Fenster, machst Du das denn dann auch. Das ganze Gefasel von Bündnistreue hat doch spätestens ein Ende, wenn permanente Rechtsbrüche, Verstösse gegen die Genfer Menschenrechtskonvention oder sogar schlimmste Verbrechen seitens dieses grossen Bündnispartners im Raume stehen.
Kaum sind diese beiden deutschen Geiseln verschleppt oder vielleicht sogar ermordet worden, ist die deutsche Politik alleine nur darum bemüht ihre Entscheidung zu rechtfertigen und weiterhin als richtig zu verkaufen. Obwohl diese Entscheidung schon aufgrund der Lehren aus der leidvollen Geschichte Afghanistans völlig irrsinnig sein müsste. Die hätte nie fallen dürfen.
Heute ist bekannt, dass nicht wenige dieser Terrorwarnungen und Vorwürfe auf manipulierten Berichten der unsäglichen amerikanischen Geheimdienste beruhen. Man manipuliert bewusst die Weltöffentlichkeit, so dass eine immer weiter wachsende Zahl von Menschen selbst die Darstellung der Terrorereignisse seinerzeit in New York und Washington anzweifeln.
Und darauf basierten alle nachfolgenden Ereignisse. Man stelle sich dies nur einmal vor, wenn man diesen Gedanken einmal weiter verfolgt. Welch ein Fiasko für die westlichen Demokratien.
Der amerikanische Einfluss auf Politik und Wirtschaft vieler Länder unserer Erde scheint immer nachteiliger zu werden. Dabei haben sie eigentlich die verdammte Pflicht Vorbild für alle zu sein. Und sich vor allem einmal an ihre traditionsreiche Geschichte zu erinnern. Hehre Werte liefert man nicht bei einem Sonntagsgebet in der Kirche ab, um dann die darauffolgende Woche eben genau diese Werte mit den Füssen zu treten.
Jetzt erst hört man, dass Bush neue Regeln für die Folterpraxis amerikanischer Geheimdienste an Gefangenen festgelegt hat. Dabei ist es kaum vorstellbar, dass eine westliche Demokratie dazu überhaupt fähig sein sollte.
Dass die amerikanische Regierung Aktionen wie Mord, Folter, grausame und inhumane Behandlung, Verstümmelung, absichtlich herbeigeführte ernste Verletzungen, Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch und biologische Experimente an Gefangenen nun extra und ausdrücklich per Weisung ausschliessen muss, erfüllt mich mit ungläubiger Abscheu.
Zu was sind denn Bürger eines demokratischen Staates fähig und vor allem offensichtlich bisher ermächtigt worden. Und dass diese neue Regelung gegen den Willen Bushs geschieht, alleine auf Parlamentsbeschluss gegen seinen erklärten Willen, lässt nicht nur mich auf menschliche Abgründe bei diesem amerikanischen Präsidenten schliessen.
Bush beharrte in der Vergangenheit auf, wie er dies nannte, harsche Verhörmethoden, die sich dann aber zudem noch in der Auffassung, was überhaupt mit harsch gemeint, an den Gesetzen des Lande orientieren konnten, wo die Gefangenen verhört wurden. Daher wohl auch das Gefangenenlager Guantanamo. Durften denn bisher dort einige kranke Hirne ihre perversen Gedanken austoben? Diese Frage liegt da fast schon auf der Hand.
Und nur auf Druck der Weltöffentlichkeit und wachsender Widerstände im eigenen Land musste der amerikanische Präsident dann doch noch klein beigeben. Und wir hier in Europa, seine Nato-Partner halten da einfach ihren Mund.
Welch eine Moral, welch eine Verhaltensethik steckt denn hinter dem Verhalten unserer Politik, und wieso lassen wir alle dies denn überhaupt noch zu. Diese und andere drängenden Fragen stellen sich auch heute wieder einmal, vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse.
Daher gilt mein heutiger erster Gruss auch nicht dem mächtigsten Mann der Welt, der für die Gefangenen in Guantanamo die Genfer Konvention nicht einmal anerkennt, und auch nicht dem Internationalen Gerichtshof für die Verfolgung amerikanischer Straftaten im Ausland. Obwohl beides längst Standard und eines demokratischen Staates höchst unwürdig ist.
Ich grüsse heute zunächst die in grosser Angst verharrenden oder sogar trauernden Familien in Deutschland. Ich bin sicher, dass ihr heute nicht nur mit der Teilnahme eines Kolumnisten hier auf Mallorca rechnen könnt. Diese sinnlose Gewalt macht uns alle, dessen bin ich sicher, einfach nur noch sprachlos.
Mein Gruß hinüber nach Deutschland verbinde ich mit einer Gewissensfrage an die deutsche Politik. Wieso schickt ihr nicht eure eigenen Söhne dorthin, oder geht selbst dahin, wo es dann auch einmal so richtig weh tun kann.
Aber wahrscheinlich seid ihr einmal mehr vor allem damit beschäftigt, gemeinsam mit euren Strategen zu überlegen, wie verkaufe ich den Afghanistan-Einsatz meinen Wählern aufs Neue. Normalerweise lernt man aus Fehlern, aber bei euch bin ich mir da schon lange nicht mehr sicher.
Auch hier von der iberischen Halbinsel gibt es schlimmste Meldungen. Neunzig Tote soll es gegeben haben, ein weiteres Flüchtlingsboot aus Afrika auf seinem Weg zu den Kanaren, es ist im Atlantik gekentert.
Eines der grössten Probleme unserer Zeit, Wirtschaftsflüchtlinge vom benachbarten Kontinent unterwegs nach Spanien, auch zu den Balearen und zu uns hier nach Mallorca, dieses Thema werden wir wohl wieder einmal auf die Tagesordnung setzen müssen.
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