Europa-Könner
Ganz EU-Europa schimpft in diesen Tagen über Polen. Das arme Land Polen, noch nicht einmal so lange in der EU, hatte es doch tatsächlich gewagt eigene Interesssen im Reigen der deutlich mächtigeren Staaten Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien anzumelden.
Das erstaunliche dabei ist das Resultat. Denn dieses ist eine Lehrstunde des wirtschaftlich schwachen Polen für diejenigen, die da jetzt laut schimpfen. Eine Lehrstunde in erfolgreicher politischer Verhandlungsführung auf internationalem Parkett.
Polens Staatspräsident Lech Kaczynski und sein Zwillingsbruder Jaroslaw Kaczynski, letzterer als Ministerpräsident seines Landes, hatten es doch tatsächlich geschafft die Großen in die Knie zu zwingen. Bundeskanzlerin Angela Merkel als Ratspräsidentin verkündet den nach zähen Verhandlungen erzielten Kompromiss einer EU-Reform als Erfolg.
Wenn man aber das Ganze näher betrachtet, dann fragt sich der Beobachter, ein Erfolg für wen eigentlich. Denn tatsächlich scheinen die Ereignisse der vergangenen Tage und insbesondere die der vergangenen Verhandlungsnacht schon wieder einmal eher Ausdruck einer mit wenig Rückrat ausgestatteten deutschen Verhandlungsstrategie zu sein.
Während dem kleinen Lech Kaczynski die Befriedigung förmlich ins Gesicht geschrieben stand, nachdem er zuvor noch von dramatischen Verhandlungsmomenten sprach, erschien Angela Merkel mit einem wenig überzeugenden Siegerlächeln vor die Kameras. Als sie dort erschien, noch bevor sie die ersten Worte in die Mikrofone sprach, konnte man sich angesichts ihres Gesichstausdrucks schon denken, oje, schon wieder ein fauler Kompromiss.
Während in Polen Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski zu bester Sendezeit im Fernsehen laut grollend vernehmen liess, dass sein Land in Europa zu wichtig sei, um alles aufzugeben, scheint die deutsche Bundesregierung, wie schon zu oft in den letzten Jahren, auch diesmal wieder ein weiteres Stück deutscher Interessen gegenüber einem von der Mehrheit der deutschen Bürger schon lange nicht mehr gewollten EU-Europa aufgegeben zu haben.
Allerorten in Europa klopft man denn auch Angela Merkel in diesen Stunden fleissig auf ihre Schultern, frei nach dem Motto, brav gemacht, denn wir haben ja alle weitesgehend bekommen was wir wollten.
Der Vergleich von Verhandlungsführungen verschiedener Länder und ihrer Führungen zeigt denn auch die wahren Unterschiede, und vor allem, wer hier wirklich Meister seines Faches ist. Und dies, weil er die Interessen seines eigenen Volkes in besonders erfolgreicher Weise vertritt. Denn nur darum geht es. Die nur 1,57 großen Kaczynski-Zwillingsbrüder scheinen dabei wahre Könner ihrer politischen Zunft zu sein.
In der Politik ist es geradezu überlebenswichtig klug und strategisch zu taktieren. Polnischen Verhandlungsdelegationen, allen voran ihren Staats- und Regierungschefs wird fast schon verächtlich internationale Unerfahrenheit nachgesagt, auch von deutscher Seite. Dabei haben sie ihre Verhandlungspositionen zumeist erfolgreich durchsetzen können, im Gegenteil zu ihren deutschen Verhandlungsgegnern.
Polen setzt oft alles auf eine Karte, so scheint es für nicht wenige, fälschlicherweise auch aus Sicht der deutschen Politik und ihrer Vertreter. Mit dieser angeblich so schwach eingeschätzten Verhandlungsposition präsentiert sich Polen im Nachhinein jedoch regelmäßig als Gewinner nahezu jeder EU-Verhandlungsrunde.
Ob es die Beitrittsbedingungen waren, oder die Milchquoten, oder gerade wenn es direkt um das liebe Geld, genauer um die EU-Haushaltsmittel geht. Polen gibt sich auch in einer alleinigen Position gegenüber einer großen Mehrheit aller anderen beileibe nicht geschlagen.
Mit ihrer Drohung Polen zur Not auch außen vor zu lassen, erwies Angela Merkel ihrem Land und damit auch dem deutschen Volk einen weiteren Bärendienst, denn kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen ging ein Ruck der Solidarität für Polen durch einen Großteil anderer EU-Mitgliedsstaaten.
Diese meinten dann, kein Land dürfe ausgeschlossen werden, worauf nach Abschluss der Verhandlungen der polnische Staaspräsident Lech Kaczynski verlauten liess, Polen hat nicht die Absicht zu vergessen, welche Staaten sich mit seinem Land solidarisch verhalten haben.
Während in diesen Stunden Lech Kaczynski triumphierend in seine Heimat Polen zurückkehrt, wo er dann von seinem Volk frenetisch als Sieger gefeiert wird, ist die deutsche Bundesregierung, allen voran Angela Merkel, einmal mehr damit beschäftigt, die Scherben ihrer Verhandlungsführung aufzukehren.
Sie werden sich jetzt, wie seit Jahren geübt, mit einem Heer an Beratern an einen Tisch setzen. Dann werden sie diese Scherben irgendwie wieder zusammensetzen, um daraufhin sorgsam die Worte zusammenzustellen. Worte und Sätze, mit denen die Deutsche Bundesregierung sodann ein weiteres Mal eine deutsche EU-Niederlage in rosaroter Farbe darbieten wird.
Eine Niederlage, und wie ich meine, eine weitere Tragödie der Preisgabe von Interessen vieler Menschen in Deutschland in einem immer mehr außer Kontrolle geratenen Moloch EU-Europa.
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