Mein Kind
Ein weiteres Kapital wenig erfreulicher deutscher Nachkriegsgeschichte findet in diesen Tagen seinen traurigen Höhepunkt. Deutsche Politiker äußeren ihre große Empörung, zeigen Bestürzung und reden von feigen Anschlägen. Schon wieder einmal wurden drei deutsche Soldaten in Afghanistan getötet, zwei weitere wurden schwer verletzt. Zerfetzt von den Handgranaten eines Selbstmordattentäters, der in der nordafghanischen Stadt Kundus auf einem Wochenmarkt noch dazu sieben weitere Zivilisten mit in den Tod riß. Deutsche Politiker, die von Bestürzung und Empörung sprechen, erwähnen jetzt nicht, daß sie es waren, die unsere Soldaten dorthin gesandt haben. 21 deutsche Soldaten wurden bereits in Afghanistan getötet, seit Beginn der umstrittenen US-amerikanischen Operation Enduring Freedom. Einem völkerrechtlich umstrittenen Kriegseinsatz, bei dem sich die USA auf die Resolution Nr. 1368 des UN-Sicherheitsrat beruft. Diese bezeichnete die seinerzeiten Anschläge vom 7. 11. 2001 als „Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“ und betonte für die Amerikaner ein „naturgegebenen Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung, das in der Charta der Vereinten Nationen anerkannt wird“.
Daß diese Resolution keinesfalls einen bewaffneten Angriff als Recht auf Selbstverteidigung interpretiert, wird von der damaligen deutschen Bundesregierung unter Gerhard Schröder (SPD) sowie Außenminister Joschka Fischer (Grüne) nicht zum Gegenstand der Diskussion gemacht. Im Gegenteil, unter Hinweis auf die, so Schröder wörtlich „uneingeschränkter Solidarität mit den USA“ und „Deutschlands neuer Verantwortung auch an weltweiten Militäreinsätzen“ beantragte diese Bundesregierung beim Bundestag die Zustimmung zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.
Gerhard Schröder hielt dies sogar für derartig wichtig, daß er sie mit einer Vertrauensfrage verknüpfte, um ganz sicher eine eigene Parlamentsmehrheit zu erhalten. So hieß es also damals, entweder ihr schickt mit mir deutsche Soldaten nach Afghanistan oder ihr braucht einen neuen Bundeskanzler. Joschka Fischer der ehemals pazifistischen Partei der Grünen zeigte dann auch sofort Schulterschluß.
Mag dies für den einen oder anderen Betrachter noch wenig überraschend gewesen sein, angesichts der Tatsache, daß eben dieser Joschka Fischer in jungen Jahren auch selbst schon einmal in brutaler Weise auf andere eindrosch, vorzugsweise dabei auf deutsche Polizisten, so war es mehr als erstaunlich, daß sich in den Reihen des deutschen Bundestages damals wenig Gegenwehr auftat.
Selbstverständlich war von Anfang an damit zu rechnen, daß unsere Soldaten in Afghanistan sterben könnten. Bei einem Einsatz, in den sie die Deutsche Politik geschickt hat und, so meine ich, dessen schreckliche Folgen für die Familien und Angehörigen der getöteten Soldaten sie jetzt auch moralisch zu verantworten hat.
Ich möchte jetzt nicht in der Haut von Gerhard Schröder stecken, dessen bekanntes Siegerlächeln ihm in diesen Tagen wieder einmal im Halse stecken bleiben dürfte. Ich fürchte jedoch, er wird das Ganze eher aus sicherer Deckung heraus verfolgen. Genauso wenig wie in der Haut der anderen, die gerade eben erst wieder darüber abgestimmt haben, daß Deutsche Soldaten noch für weitere Jahre nach Afghanistan gesendet werden.
Wie viele andere in unserem Land, wahrscheinlich sogar die meisten, halte ich diesen Einsatz für gefährlich, falsch und nicht gerechtfertigt. Dazu juristisch mit Blick auf die UN-Charta mehr als bedenklich. Erst recht mit Blick auf eine Politik der Bush-Administration in Übersee, deren Strategien sich als erfolglos erwiesen haben, denen im eigenen Land heftiger Gegenwind ins Gesicht bläst, und die gerade wegen ihrer militärischen Außenpolitik auf dem besten Wege sind ihr Regierungsamt bei den nächsten Wahlen zu verlieren.
Es ist wie es immer ist. Soldaten sterben, gesendet von einer Politik, die wenig empfänglich ist für gegenteilige Kritik. Und immer denk' ich mir dann, sie wären sicher zu bekehren, wenn es die eigenen Kinder wären. Und so lautet dieses Lied, das ich nun hör, erzählt von einem Wind, der Tote ist nicht Schröders oder Fischers, auch nicht Strucks, und schon gar nicht Merkels Kind.
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