Alle meine Entchen
Na wenn das kein Fortschritt ist, hier auf Mallorca. Den Tierschützern sei Dank, meinen so viele.
Dabei, ich bin nicht mal so sicher ob diejenigen, die da immer protestieren überhaupt so genau wissen, worum es denn bei Traditionen wie dieser denn geht.
Ein Kolumnist muss Traditionen nicht gut finden, und dennoch kann ihm sein gesunder Menschenverstand sagen, in eben jenen Angelegenheiten halte ich in einem Land, in dem ich Gast bin, schlicht und einfach und vor allem besser meinen Mund.
Schon aus Respekt gebotet mir es ruhig zu sein, wie alle meine Landsleute dies eigentlich ebenfalls tun sollten. Aber leider sind wir Germanen bekanntermassen ein geradezu zwanghaftes Volk von Oberlehrern.
Es gibt nunmal Regeln, und wenn die anders sind als wir dies gerne hätten, oder wenn es diese Regeln gar nicht gibt, dann bringen wir unsere eigenen halt gleich selber mit. Zusammen mit unseren Handtüchern gewissermassen.
Die Tradition, deren Ursprung ich Ihnen, verehrte Leser, am heutigen Tage einmal näherbringen möchte, ist die des Enten-Werfens auf Mallorca. Sie wird auch noch an verschiedenen anderen Orten der iberischen Halbinsel praktiziert, und sie findet ihren Ursprung in einem Jahrhunderte zurückliegenden Brauchtum.
Wie wir alle gelernt haben, hatten damals nur diejenigen genügend zu Essen und Trinken, die das Sagen hatten, vielleicht noch deren Familien, Freunde und Bekannte, und daneben noch Angehörige einiger Zünfte. Das war es aber auch schon.
Und so kam es, dass allerorten Herrschaften den einen oder auch anderen skurril anmutenden Brauch ersannen. Vielleicht aus Langeweile, ich vermute allerdings eher aus wenig ehrenhaften, sprich niederen Motiven heraus.
In diesem Fall wollte man sich am allgemeinen Pöbel belustigen, wenn dieser nämlich einigen Enten hinterher eilte, um endlich einmal etwas Gescheites im Kochtopf zu haben.
Damit dieser Pöbel es nicht ganz so leicht hatte, fand der ganze Zeitvertreib im Wasser statt. Genauer, im Mittelmeer. Den Enten wurden die Flügel etwas gestutzt, damit sie nicht so schnell und so weit fliegen konnten, danach wurden sie in Käfigen auf Boote verfrachtet, die dann vom Strand ablegten.
In einiger Entfernung des Strandes, an dem eine johlende Meute dem wilden Treiben entgegenfieberte, wurden dann die Käfigtüren geöffnet. Alle Enten versuchten dann, ihren natürlichen Trieben folgend, sich in Sicherheit zu bringen.
Und Verhindern sollten und wollten dies junge Burschen, die wahrscheinlich sogar noch mit knurrenden Mägen Jagd auf diese Enten machten, mit blossen Händen versteht sich. Da gab es dann so manche Rangelei und Rauferei, und die vom vielen Fressen, Saufen, Kinder-Machen und auf die Jagd gehen gelangweilten Grosskopfeten waren höchst belustigt.
Das arme Volk hatte an einem der wenigen Tage des Jahres seinen zweifelhaften Spass, und wer einen geschickten und wehrhaften Burschen zu seiner Familie zählen durfte, hatte am Abend endlich einmal einen wunderbar duftenden Sonntagsbraten in der Röhre.
Und endlich auch einmal Fleisch auf dem Teller, denn dies kannten damals nur die wenigsten im Land.
So und nicht anders lautet die wahre Geschichte, rund um das Entenwerfen. Und genau deshalb enthalte ich mich auch höflich jeglicher Wertung, wenn ich mal zufällig Zaungast eines solchen Ereignisses sein sollte, oder auf Zeitgenossen treffe, die sich darüber echauffieren.
Ich finde, die Mallorquiner sind Manns genug selbst zu entscheiden, wie, wo und wann sie ihre Traditionen ausüben. Erschwerend kommt noch dazu, dass die Schere zwischen arm und reich in unserer Gesellschaft Jahr für Jahr immer weiter auseinandergeht.
Und, wenn diese Selbstbedienungsmentalität einiger Weniger nicht so bald gestoppt wird, dann müssen die da oben vielleicht bald wieder das Werfen mit richtigen Enten einführen, aus den gleichen unehrenhaften Motiven wie dies damals der Fall gewesen ist.
So jedenfalls, wie der Brauch dieser Tage mit dem Werfen von Plastikdingern abläuft, mutet das ganze allerdings eher wie ein Kindergartenfest an. Ein Kinderfest für doofe Alemannen, die man damit auch noch so schön lächerlich machen kann.
Und wieso ist das so? Weil man das eben mit uns machen kann, mehr brauchts anscheinend nicht, um uns zu unterhalten. Aber wenn ich einmal ganz ehrlich bin, ist mir das auch wiederum egal.
Denn wenn man sich offenen Auges in unserer Welt von heute umschaut, dann wundert man sich nicht nur über gar nichts mehr, auch das Enten-Werfen auf Mallorca kommt einem dann so plötzlich ganz unwichtig vor.
Die Enten, die ich grüßen wollte, die gibts gar nicht nicht mehr. Sie landen wahrscheinlich jetzt auf direktem Wege im Kochtopf, sind sicherlich schon längst verspeist.
Deshalb grüße ich gleich hinüber nach Deutschland, direkt zu den Lokführern im Streik. Recht habt ihr, denn es wird langsam Zeit, dass jemand in Deutschland den Mut hat aufzubegehren. Die da oben machen sich die Taschen voll, ungeniert, noch dazu bei für sie selbst steigenden Altersrenten, wie man dies jetzt gerade wieder vernehmen konnte.
Und ihr Lokführer müsst ein Leben lang buckeln, bei kargem Lohn und bei dramatisch sinkenden Renten.
Viele Grüsse wie immer auch an alle anderen hier auf meiner Insel, einer Insel der erneuten afrikanischen Schwüle und Hitze,
Herzliche Grüße von der Insel Mallorca,
Ihr Marlon
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