Das biologische Wunder
Es gibt viel neues von der Insel Mallorca zu berichten. Nicht nur weil Hochsaison ist, sondern weil unsere schöne und beliebte die Insel der Balearen die Menschen hier in Spanien, genauso wie drüben in Deutschland schlicht und einfach wie immer sehr bewegt. Wie man hört, lässt man die Quallenplage nun einfach das, was sie nunmal ist, nämlich eine Plage. Man behält die Hände im Schoss, und ich denke mir dabei eigentlich wenig bis nichts, so gut kann ich nämlich die Quallensituation als Inselkenner beurteilen. Auf gut Deutsch, im Grunde gar nicht.
Wie so ziemlich jeder andere auch, so er nicht einen ganz besonders spezialisierten akademischen Beruf aus dem Themenumfeld Meeresbiologie oder Klimatologie ergriffen hat. Und dies habe ich nicht, genauso wie alle anderen, die sich Jahr für Jahr bei dem Thema Quallen mit einem frappierenden Selbsverständnis und der von diesem ausgehenden Wichtigkeit äußern.
Dabei haben sie allesamt keinen blassen Dunst, so und nicht anders drückt man dies gewöhnlicherweise etwas vereinfacht aus. Sei es die Politik auf den Balearen, oder auch anderswo, oder seien es Äußerungen missliebiger Konkurrenten aus den Urlaubsgebieten anderer Länder, die dieses Thema auch mal gerne aufs Tablett bringen. Nicht ohne Eigennutz selbsverständlich. Es soll dann immer heissen, da unten, da auf Mallorca, da habt ihrs schlecht, drum kommt zu uns, hier badet ihr recht.
Dabei genügt eigentlich ein ganz normaler Blick in die Lehrbücher dieser Welt, oder hinüber zur Forschung. Dann machen wir doch heute einmal einen Abstecher in die Quallenforschung, damit wir dem ganzen gequirlten Blödsinn vielleicht endlich einmal ein Ende bereiten können. Ich muss dies heute einmal derart deutlich kundtun, denn das Thema schadet der Insel, obwohls eigentlich unbegründet ist.
Was ist eine Qualle überhaupt, wofür ist sie da, wovon ernährt sich sich und welchen Nutzen hat sie in unserer biologischen Welt. Diese und keine anderen Fragen stellen sich am Anfang, bevor man danach eventuelle Schlüsse bei augenscheinlich vermehrtem Auftreten schliessen kann.
Diese für uns Menschen so seltsam, geheimnisvoll und zuweilen auch grauenvoll erscheinenden filigranen Tiere gibts bereits seit über 600 Millionen Jahren auf unserer Mutters Erde. Diesen Tierchen fehlt Gehirn, Herz und die Lunge, und nur eine einzige Zellschicht kleidet nach außen die Körperoberfläche und nach innen ihren Magenraum aus. Dazwischen liegt diese geleeartige Substanz, aus Wasser, Proteinen und Zucker vor allem. Und davor genau ekeln wir Menschen uns.
Die Qualle ist eigentlich ein kleines Wunder der Natur, nicht nur wegen ihrer einzigen Körperöffnung, welche Mund und After gleichzeitig ist. Die für Taucher unter Wasser zumeist so faszinierend farbenfroh erscheinenden Tierchen benutzen nämlich äußerst komplexe Nesselzellen zur Jagd und auch zur Gefahrenabwehr. Diese finden sich überall auf der Quallenhaut, in hoher Anzahl an den bis zu 10 Meter langen Tentakeln.
Wenn man die Qualle berührt, schleudert diese mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, geradezu explosionsartig, dornige Fäden heraus. Diese setzen dann nach ihrem Eindringen, gelegentlich auch in den menschlichen Körper wie man es immer wieder mal hört, ein Nervengift frei. Und dieses Gift kann nicht nur schmerzhaft sein, es kann sogar betäuben oder wirkt auch bei mancher Qualle tödlich.
Die Geschwindigkeit des Aufpralls ist vergleichbar mit der einer Gewehrkugel, der Druck innerhalb der diese Fäden abschiessenden Kapseln ist 150 Mal so hoch wie der Druck in der Erdatmosphäre. Ein Wunder, dessen sich die Bionik-Forschung schon seit längerem in der Herstellung ausserordentlich extrem reissfester Stoffe zunutze machen will. Dazu müsste man nur die Zellwand dieser Qualle entschlüsseln, was jedoch bisher nicht gelang. Dies kommt wohl aber noch.
Ihre zumeist unter Wasser flackernd leuchtende rötliche Farbe dient als Lockmittel für ihre Opfer, denn anderes als über Wasser bedeutet rot unter dem Meeresspiegel das Gegenteil, nämlich keinerlei Gefahr. Der absolute Hammer dieser Wunderorganismen kommt aber erst noch, denn sie sind wahre Überlebenskünstler. Dies sollte sich jeder gut merken, denn diese Info kann man gebrauchen, wenn man wieder einmal eine Qualle wie tot am Strand liegen sieht.
Quallen können ihr eigenes Körpergewicht um bis zu 99 Prozent reduzieren, sie können bis zu zwei Stunden lang in einem für sie extrem lebensfeindlichem Umfeld überleben, und, manche Quallenarten sind nach jüngsten Forschungsergebnisses sogar unsterblich. Wie geht denn das, fragen sich jetzt bestimmt viele.
So haben Forscher herausgefunden, daß eine unserer Mittelmeerquallen ihrem natürlichen Ende dadurch entgeht, indem sie ihren Alterungsprozess ganz einfach umkehrt. Sobald ihre Zellen im Alter ihre Aufgaben nicht mehr optimal erfüllen, sinkt die Qualle zu Boden und ist dann in der Lage ihr Körperzellen in ihr frühestes Stadium zurückzuverwandeln. Und danach fängt ihr Leben einfach nochmals ganz von vorne an.
Und das ganze Programm kann sie dann auf eine Ewigkeit hin wiederholen, wenn sie nicht gefressen wird, oder zu uns an Land kommt. Die Wissenschaft übrigens, die diese Eigenschaft gerne auf uns Menschen übertragen würde, sie steht immer noch vor einem Rätsel. Sie weiss nur, dass es so ist, betrüblicherweise aber nicht warum.
Auch in Deutschland, in einer Heidelberger Uni, versucht man mit Experimenten diesem Quallen-Geheimnis auf die Spur zu kommen. Sogar schon mit Erfolg, dennoch bleibt die Übertragung auf den Menschen noch bei weitem ferne Zukunftsmusik, weil aus heutiger Sicht leider immer noch noch undenkbar.
Und dann gibt es ja auch noch diese unglaublich schaurige Qualle, die in jeden Horrofilm hineinpassen würde. Sie wird die Mordende Hand genannt und tötet Jahr für Jahr zehnmal so viele Menschen als es alle Haie zusammen auf dieser Erde tun.
Und um die und alles weitere geht es dann morgen, denn da kommt noch einiges mehr zu dieser und so manch anderer Qualle. Das kann ich schon heute versprechen. Und ich bin sicher ab dann werden Sie ganz anders über unsere Quallen denken.
Eines davon kann ich Ihnen allerdings auch heute schon verraten. Quallenplagen gibts nicht nur bei uns auf Mallorca, sondern überall in dieser Welt. Und besonders auch da, wo man seit Jahren zu uns verweist. Aber wie wir nun wissen, gehts wie so oft auch bei dieser Angelegenheit wieder mal alleine um das liebe Geld.
Und an diese missliebigen Zeitgenossen schicke ich heute auch meine allerersten Grüße. Ihr bekommt sie doch auch diese netten Tierchen. Und wenn ihr nicht aufhört über Mallorca zu lästern, denkt daran, unsere Quallen haben bei euch da oben äusserst viele Millionen von Brüdern wie auch Schwestern.
Weitere Artikel in der Rubrik Mallorca:
