Nur nicht die Nerven verlieren
Quallenalarm auf der Insel Mallorca und überall auf den Balearen. Besorgniserregend oder nicht, niemand weiss dies so genau, aber viele reden mit, ob Kenntnis von der Materie oder auch nicht. Und wie es meistens ist, wissen die, die sich zu Wort melden so gut wie überhaupt nichts. Und weil sich der Kolumnist der Mallorca-Redaktion hier ausdrücklich mit einschliesst, ändern wir das ab heute doch einfach. Genauer seit gestern, denn dort erschien der erste Teil meiner Quallen-Kolumne, mit jeder Menge neuen Infos über die von Menschen so verhasste Qualle.
Auch für mich war vieles neu, als ich mich für einige Stunden einfach einmal auf meine virtuelle Schulbank setzte, um über die Qualle zu lernen. Und die Erkenntnisse waren für mich geradezu phänomenal. Dieses biologische Wundertierchen hat es in sich, wie wir nun wissen. Eine Gattung davon, sie lebt sogar hier bei uns direkt vor der Nase im Mittelmeer, diese ist sogar unsterblich.
Ich weiss nicht wie Ihnen es erging, als Sie dies alles im Teil eins meiner Quallenkolumne am gestrigen Tag lesen konnten. Ich für meine Person, ich war ganz einfach platt. Die Geschichte, das Leben, die Vielfalt und die Eigenarten dieser Nesseltierchen, all dies ist aufregend und voller Kurzweil, dramatisch wie schaurig.
Mich hat dies alles in grosses Erstaunen versetzt und ich betrachte diese Tierchen ab heute deshalb mit anderen Augen. Respektvoll nach wie vor, eher sogar eine erhebliche Portion mehr davon, aber vor allem sind sie für mich eines der Wunder dieser Erde.
Wundertierchen und Nesseltierchen, genau so habe ich sie genannt, obwohl es davon auch Riesenexemplare gibt. Die japanische Riesenqualle ich, Nomura-Quallen werden sie genannt. Sie sind zweihundert Kilogramm schwer. Im Grunde zwei Meter grosse Klötze, die dann noch fünf Meter lange hochgiftige Tentakel hinter sich herziehen.
Millionenfach plagen sie die japanischen Fischer, seit Jahren schon. Und niemand weiss genau warum. Quallenplagen soll es schon immer gegeben haben, seit Millionen von Jahren. Diese Tiere fressen ganze Fischbestände eines Meeres innerhalb weniger Jahre auf. Ein Grund hierfür ist ihre explosionsartige Vermehrung, denn eine Qualle kann schonmal tausend Eier oder mehr innerhalb nur einer einzigen Woche legen.
Einige davon, wie die soeben erwähnte Riesenqualle erinnern uns eher an einen Horrorfilm. Eine andere, die Mordende Hand wird sie fast allerortens genannt. Sie ist die gefährlichste Qualle der Welt und eines der giftigsten Tiere überhaupt. Sie gilt als der absolute Meister der chemischen Kriegsführung, und sie ist im gesamten Pazifik zuhause. Da vor allem in Australien.
Und dort wird sie auch gefürchtet. Hier bei uns nennen wir sie Seewespe, eigentlich sind es sogar zwei Quallenarten dieser Gattung der Würfelquallen. Sie ist nur klein, nahezu durchsichtig, sprich man sieht sie eigentlich nicht, und sie hat bis zu sechzig, drei Meter lange Tentakel. An diesen Tentakeln sitzen fünftausend hochgiftiger Nesselzellen, die allesamt feinen Fäden wie Giftpfeile abschiessen können.
Deswegen spannt man in Australien große Netze vor den Küsten im Meer, alleine der Nutzen ist begrenzt. Diese gefährliche Qualle schwimmt nicht nur schneller als der schnellste Mensch im Wasser, sie hat insgesamt vierundzwanzig Sehorgane, mit denen sie derart komplex und scharf sehen kann, wie sonst nur höhere Lebewesen.
Sie sieht also gestochen scharf, und dass sie kein Gehirn hat, genauso wie alle anderen Quallen, dies macht sie eher noch gefährlicher. Auf all das, was sie sieht, reagiert sofort und unvermittelt ihr zentrales Nervensystem, mit der Folge blitzschneller Reaktionen.
Dieses kleine unscheinbare Tierchen schleppt permanent Nervengift in einer Dosis mit sich herum, die geeignet wäre zweihundert Menschen auf einmal zu töten. Dabei genügen bereits nur anderthalb Tausendstel und jeder Mensch wäre in Kürze tot. Schwimmer, die die Mordende Hand eher versehentlich angreift, da sie ja eigentlich Fische jagd, sie erreichen normalerweise nicht einmal mehr das rettende Ufer, denn das Gift verursacht sofort Lähmungen der Muskulatur, der Atmung und des Herzens.
Weltweit werden nur von ihr zehnmal mehr Menschen getötet als von allen Haiarten zusammen. Alleine in Australien ereignen sich Jahr für Jahr zwanzigtausend Unfälle, zum Glück nicht einmal ein Prozent davon tödlich. Dies jedoch vor allem deshalb, weil die Menschen in Australien oder auch anderswo in großer Zahl längst schon mit einem nesselsicheren Badeanzug ins Meer gehen, dem sogenannten Stinger Suit.
Besonders giftig ist noch eine ganz andere, genauso schaurig-faszinierende Quallenart. Die sogenannten Staatsqualle, über einhundertfünfzig Varianten gibt es davon, und eine tut sich wiederum als besonderer Schrecken hervor. Sie wird Portugiesische Galeere genannt, alleine wegen ihres Aussehens, welches dem einer mittelalterlichen Kriegsgaleere gleicht.
Sie treibt einem Segelschiff gleich auf dem Meeresspiegel, und nutzt dazu einen mit Kohlendioxid und Stickstoff gefüllten Luftsack als Segel. Und gleich einem Segelschiff nutzt die Portugiesische Galeere für ihr Fortkommen alleine nur den Wind. Mit einem kammähnlichen Gebilde kann sie dann auch ihre Richtung ganz genau steuern.
Genauso wie wir dies von Ameisen oder auch Bienen kennen, leben bei Staatsquallen tausende Polypen in einem großen Verbund, in einem Staat. Sie bilden aber nach aussen hin für den Betrachter nur eine einzige Qualle. Und diese hat bis zu sechzig Meter lange Tentakel, jede eizelne davon ausgestattet mit einem höchst gefährlichen Nervengift. Auch für uns Menschen gefährlich. Sie lebt übrigens im Pazifik, vor Portugal und den Kanaren, aber sie wurde in Schwärmen auch schon im Atlantik vor der Niederlande gesehen.
Wie bei den Bienen und Ameisen teilen sie sich die tagtägliche Arbeit unter sich auf. Ein Teil jagd die Beute, ein anderer verarbeitet sie, der nächste sorgt für die Fortpflanzung, ein weiterer für die Feindesabwehr. So arbeitet eine ganze Kolonie zusammen, frei nach dem alten Motto der Musketiere, alle für einen, einer für alle.
Alle Quallenarten haben selbstverständlich auch Feinde, zum Glück müsste man jetzt fast sagen. Einige davon sind immun gegen das Quallengift, andere wiederum nutzen das Gift für die eigene Verteidigung. Der bekannste Quallenjäger ist der Quallenfisch. Dieser lebt und versteckt sich sogar desöfteren in den giften Tentakeln seiner Opfer. Damit ihn andere nicht fressen.
Bestimmte Schildkröten und Schneckenarten, der Thunfisch und der Mondfisch, sie alle fressen normalerweise Quallen. Doch sie gibt es in vielen Meeren überhaupt nicht mehr, oder zuwenig. Und sie stellen deshalb auch keinerlei Gefahr mehr für die Quallen dar. So wie hier auf den Balearen und Mallorca, im Grunde im gesamten Mittelmeer.
Dazu kommt die Überdüngung durch Abwässer und Landwirtschaft. Diese führt zu einer Veralgung der Meere, und in dieser Brühe können bis auf viele Kleintiere nur noch die Quallen überleben. Ihre natürlichen Feinde schon gar nicht. Der Ausbau von Küsten, zum Beispiel mit Molen oder auch zu Hafenanlagen fördert noch zusätzlich die Vermehrung von Quallen, da viele Quallenarten in ganz bestimmten Entwicklungsstadien harte Oberflächen zum Überleben benötigen.
Wie Sie also erkennen, liebe Leser, sind wir, die Menschen, an den Quallenplagen ganz alleine Schuld. Nur wir können mit einer Abkehr von bisherigen Prioritäten, mit einer Veränderung unserer Lebenswerte und mit einer grundsätzlichen Korrektur unserer Verhaltensethik daran etwas ändern.
Und nur dann werden Statistiken wie die aus dem letzten Jahr der Vergangenheit angehören. Da gab es über 11.000 Quallenverletzte an Spaniens Stränden, auch viele hier auf Mallorca. Und dies sind nur die offiziellen Zahlen. Die Dunkelziffer dürfte, wie so oft im Leben, auch hier wieder einmal deutlich höher sein.
Ein schwacher Trost, die Qualle ist auf der ganzen Welt ein Problem, in allen Meeren. Touristen an andere Urlaubsgebiete wird Mallorca alleine wegen der Qualle also nicht verlieren.
Vielleicht sollte man eine ganz andere Nutzung der Qualle weiter verbreiten. Denn diese ist mittlerweile sogar schon in privaten Aquarien in Mode gekommen. Mithilfe spezieller Sprudel, die diese Quallen immer schön in der Wassermitte halten, kann man sie dort dann auch bewundern. Wie immer, so kommt auch dieser Trend wieder einmal aus den USA. Dort sind Quallen seit Jahren auch als Leuchter beliebt, oder als Kinderspielzeuge, Beanie Babys genannt. In China werden die Quallen sogar gegessen.
Na, das wäre doch mal was, aber wir sollten uns vielleicht zunächst einmal mit unseren Quallen hier vor Ort beschäftigen. Mit denen im Meer sowie an Land, denn die gibt es hier auch. Einigen davon weht der Wind hier auf Mallorca zur Zeit ganz besonders mächtig ins Gesicht. Nach und nach wird jetzt auch deutlich, wieso sich Jaume Matas hier so schnell vom Inselacker macht. Aber dies ist natürlich wieder einmal eine ganz andere, neue Geschichte.
Ich grüße heute einmal zunächst alle Mallorca-Touristen. Passt gut auf an den Stränden und beachtet vor allem die Flaggen. Wenn ihr die rote seht ist Badeverbot, immer öfter gerade wegen einer erneuten Qualleninvasion.
Und wenn doch einmal etwas passiert, nicht gleich verzagen und die Nerven verlieren. Mallorca's Quallen sind nicht tödlich, sie brennen nur. Wie ein starkes Brennesselgift, und nur ganz selten kann man in der Folge auch einmal etwas Fieber bekommen, noch seltener einen Kreislaufkollaps.
Man sollte Ruhe bewahren, auf keinen Fall an der Stelle reiben, denn sonst hat man das Gift auch noch an den Händen. Man sollte an Land schwimmen, und die verätze Stelle mit Meereswasser abspülen. Keinesfalls mit Süsswasser, denn das macht alles noch viel schlimmer.
Mit Sand abreiben hilft auch. Gegen das Quallengift gibts an fast allen Stränden entsprechende Salben, bei den Aufsichtspersonen wie auch bei allen Medizinern und Apotheken unserer Insel. Rasierschaum und Essig sind ebenfalls wirksame Mittel, als erste Linderung.
In der Hoffnung etwas mehr Licht in das Quallendunkel gebracht zu haben grüße ich wieder einmal zunächst und ganz herzlich nach Deutschland, sowie auch alle hier auf meiner Insel,
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