www.valentinmoser.com
Suche   

Über Zombies und Jubeldollars

Marlons Sicht aus Mallorca und seine GedankenEs soll dies ein grosser Jubeltag werden. Der heutige Sonntag ist gemeint. Nein, nicht hier für uns oder jemand anderen auf der Insel Mallorca, oder nicht nur. Denn, für einige Fans ganz sicher schon.

In Paris soll es ein Jubeltag werden. Und natürlich da drüben, ganz weit weg, dahinten, über dem grossen Teich, in den Vereinigten Staaten. Dort werden sie diesen Jubeltag kräftig versilbern können, typisch amerikanisch eben, unkritisch, ohne jegliche Fragen nach wenn, warum und überhaupt.

Sie tippen richtig, verehrte Leser, ein Kolumnist schreibt heut einmal seine eigenen Ansichten über ein wunderbares Radrennen. Nein, eigentlich ist es das wunderbare Radrennen, das einzige, wahre, die Herzen aller Radsportfans in unglaublicher Weise bewegende Profiradrennen unserer Zeit, der ganzen Welt.

Die Tour der Leiden war auch über Jahrzehnte hinweg die Tour der Freuden, der Leiden, nein, eher der leidenschaftlichsten und bewegendsten Emotionen, zu denen ein Kolumnist hier auf Mallorca fähig sein konnte.

Als Kind noch Eddy Merckx vor Augen, diesen siegesdurstigen Kannibalen, den grössten der Allergrössten, das Vorbild für uns alle, wenn wir auf dem Rennrad saßen, durfte ich die glanzvollen Jahre berühmter Namen wie Bernard Hinault, Greg Lemond, Miguel Indurain und Jan Ulrich miterleben.

Vor allem der Siegeszug des grossen Miguel Induráin, unserem grossen Nationalhelden hier in Spanien, dieser zog mich dann endgültig in den Bann der Tour de France.

The Big Mig, wie er von uns allen gerufen wurde, war über einen Zeitraum von fünf Jahren bei der Tour de France aufgrund seiner mentalen Stärke sowie seinen außergewöhnlich guten Hebelverhältnissen unschlagbar gewesen. Ein einziger Antritt des ein Meter achtundachtzig grossen Miguel, und ein Raunen ging durch die Reihen derer, die dies entweder direkt im Fahrerfeld oder als Zuschauer am Wegesrand miterleben durften.

Danach kam das nach Ansicht aller Fachleute grösste Talent aller Zeiten, einer, der von seinen körperlichen Anlagen her der grösste Aller hätte werden können. So gross wie Eddy Merckx, vielleicht sogar noch grösser.

Jan Ullrich hiess dieses Talent, bescheiden und vorbildlich als Sportler und Mensch. Im Inland quasi über Nacht das Radsportidol schlechthin, im Ausland ohne Ausnahme aufgrund seiner Fahrweise, Erfolge und besonders seiner sportlichen Fairness anerkannt und respektiert.

In seinem ersten Profijahr stellte er sich noch in die Dienste seines Kapitäns, den er, obwohl er sichtbar stärker gewesen als dieser, die höchsten Gipfel der Tour hinaufzog. Aber schon im darauffolgenden Jahr triumphierte er dann in Paris, der Beginn eines über weitere zehn Jahre andauernden Radsportmärchens wurde damals von allen Seiten der Fachwelt prognostiziert.

Dass daraus nichts wurde, lag an dem Namen, den sie weiter oben bei meiner Aufzählung vielleicht schon vermisst haben. Nicht ohne Grund, denn mit dem quasi aus dem Nichts auftauchenden Lance Armstrong kam ein Stück amerikanischer Kultur in das wichtigste Radrennen der Welt.

Bereits in der Vorbereitung zu den Olympischen Spielen in Los Angeles taten sich amerikanische Sportlerverbände dadurch hervor, dass sie genauso wie dies derzeit in Peking geschieht, Wettkampfsieger unter Zuhilfenahme verbotener leistungsfördender Mittel geradezu gezüchtet hatten.

Man wollte den Erfolg um jeden Preis, besser formuliert den maximal erreichbaren Profit, den man dann später auch reichhaltig verbuchen konnte. Erfolge im Sport liessen sich mit riesigen Gewinnmargen vermarkten, die Amerikaner hatten dies wie immer als erstes erkannt. Dass dann die Wahrheit viele Jahre später doch noch ans Tageslicht kam, tat der Sache keinen Abbruch, die Augen der Weltöffentlichkeit waren längst auf andere, aktuellere Ereignisse gerichtet.

Lance Armstrong, bis zu einem Lebensalter von achtundzwanzig Jahren nur bei einigen Eintagesrennen erfolgreich, er hatte weder die natürlichen Anlagen eines Eddie Merckx, Miguel Indurain oder Jan Ullrich, noch dazu war er nach offiziellen Angaben aufgrund einer Krebserkrankung dem Tod geweiht.

Er kam dann nach seiner überraschenden Heilung urplötzlich zurück und gewann dann ab 1999 insgesamt sieben Mal die Tour de France. Eine typisch amerikanische Erfolgsstory, nicht nur dort drüben in einer Weise vermarktet, die bis heute seinesgleichen sucht.

Wie mittlerweile bekannt wurde, wurde Lance Armstrong schon im Jahr 1999, bei seinem ersten Toursieg, bei insgesamt sechs Dopingproben positiv auf Epo getestet. Allerdings nutzen die Dopingkontrolleure in jenem Jahr noch nicht die bereits existierenden Analysemethoden zur Erkennung dieses verbotenen Dopingmittels.

Auch die jahrelange Zusammenarbeit von Lance Armstrong mit dem in seinem Heimatland verurteilten italienischen Dopingarzt Michele Ferrari, sowie mehrere eidesstattliche Zeugenaussagen über Dopingpraktiken konnte Lance Armstrongs Siegeszugs nicht stoppen, weshalb hinter seinen Siegen ganz besonders grosse Fragezeichen zu setzen sind.

Immer wenn sich Zeugen fanden, die Lance Armstrong als Schwindler entlarvten, reagierte dieser mit einem Heer von Anwälten. In einigen Fällen wurden dann auf den Gerichtsfluren Vergleiche geschlossen, die Zeugen waren dann plötzlich stumm.

Oder sie wurden Opfer offensichtlicher Mobbingaktionen seitens Lance Armstrong, wie zum Beispiel der Italiener Simoni. Ein Fahrerkollege, der Armstrong ebenfalls beschuldigte, und der sogar während einiger Radrennen Racheopfer von Lance Armstrong wurde.

Und genau dieser Lance Armstrong zieht auch jetzt wieder die Fäden als Teilhaber des Teams US-Discovery Channel. Und damit genau des Rennstalls, der vorraussichtlich heute in Paris die Plätze eins, drei und acht einnehmen wird. Wenn sie nicht vielleicht doch noch des Dopings entlarvt werden.

Die wichtigsten direkten Konkurrenten von US Discovery-Channel wurden bereits im Vorfeld der diesjährigen Tour wegen Dopingverdachts gesperrt, oder im Laufe der Tour nach und nach disqualifiziert. Mehrere Beobachter sprechen mittlerweile von seltsamen Vorgängen und hegen den Verdacht auf unerklärliche Manipulationen.

Der deutsche Radfahrer Andreas Klöden, einer der Tourfavoriten, wurde Opfer eines angeblichen Dopingsvergehens seines Kapitäns Winokurow. Dieser soll während der Tour bei seinen beiden Etappensiegen mit Fremdblut gedopt haben, eine Dopingmethode, die derart plump und auf Anhieb erkennbar ist, so dass Andreas Klöden den Verdacht auf Manipulation jetzt für alle laut vernehmbar äusserte.

Der Verschleierung des Dopings während der Vorbereitung der Tour wurde der Däne Michael Rasmussen beschuldigt, ein Sachverhalt, der angeblich bereits vor der Tour bekannt war. Dennoch wurde dieser erst kurz vor Ende der Rundfahrt aus dem Rennen genommen, als man nicht mehr damit rechnen konnte, dass dieser das gelbe Trikot des Spitzenreiters noch einmal abgeben würde.

Nun wird mit dem Spanier Alberto Contador ausgerechnet der Mann siegen, der gemeinsam mit Jan Ullrich, Ivan Basso, Jörg Jaschke und noch sechs anderen Fahrern in den Unterlagen des Dopingarztes Fuentes auftauchte. Contador durfte nun bis Paris mitfahren, Insider vermuten unter Anderem einen Deal von Contador mit den spanischen Dopingermittlern. Genaues weiss man jedoch nicht.

Wie es scheint ziehen auch diesmal wieder einflussreiche Macher hinter den Kulissen des finanziell lukrativsten Radrennens der Welt die Fäden, und man braucht schon lange kein Prophet mehr zu sein, um ziemlich treffgenau zu erraten, aus welcher Ecke dieser Einfluss denn auch dieses Mal wieder her kommt.

Tja, der gut alte Profiradsport, Manipulation und Scheinheiligkeit amerikanischer Machart lassen grüssen. Wie sagte doch der unerwartete Sieger beim gestrigen Zeitfahren, U -Discovery-Channel Team-Leader Levi Leipheimer, nachdem er, von allen Experten völlig unerwartet, mit einer sagenhaften Zeit und einem riesigen Vorsprung am Ziel ankam?

Die Anwesenheit von Lance hat mir zusätzlich Motivation verliehen, sagte er. Und wie diese Motivation genau verabreicht wurde, überlassen wir doch am Besten jedermanns Fantasie.

Mein heutiger erster Gruss geht denn heute einmal mehr an die genannte Scheinheiligkeit. An die Strippenzieher im Hintergrund, auch diejenigen, die gerade jetzt, frei nach dem Vorbild der USA, in China überall im ganzen Land Siegertypen züchten. In staatlich organisierten Labors tut man dies, genauso wie seinerzeit in Los Angeles. Vermutlich noch unverblümter, denn kein Dopingkontrolleur des Auslands kann in China kontrollieren.

Olympia 2008 in Peking lässt grüssen, jedoch, dort sind es keine Profis, sondern Amateure. Experten meinen, man sollte diese Olympischen Spiele bereits jetzt absagen. Niemand wird dies jedoch tun, es geht schliesslich um Geld, unvorstellbar viel Geld. Und dreimal dürfen sie nun raten, verehrte Leser, wer im kommenden Jahr in Peking die meisten Goldmedaillien gewinnen wird.

Mein Gruss nach Deutschland verbinde ich einmal mehr mit der Hoffnung, dass dort endlich diejenigen, die während der Radsport-Dopingsdiskussion gierig das Rampenlicht gesucht haben, etwas mehr Zuückhaltung üben werden.

Diese Frankes, Scharpings und wie sie alle heissen. Ihr selbst ernannten Moralapostel pinkelt in alter deutscher Tradition die eigenen Sportler an. Und dennoch werden sie immer noch von den Menschen im Land geliebt. Wieso ist dies so, solltet ihr euch fragen.

Profis sind diese Sportler noch dazu, keine Amateure. Der Profi muss wissen, was er tut, das geht niemanden etwas an. Nur sie selbst und ihre eigenen Verbände. Dem Fan scheint es völlig egal zu sein, wenn eines Tages nur noch Zombies aus der Retorte den Berg hinaufstrampeln.

Und wenn dann ab und zu einmal einer umfällt, das wird wohl auch niemanden gross jucken. Im Gegenteil, das erhöht nur noch die Quote. Dies ist genau die verlogene Welt, die ihr mit geschaffen habt.

In Spanien liebt man einen Alberto Contador, wohlwissend, dass er Kunde bei Fuentes war. Also kümmert euch um den Amateursport, Olympia in Peking. Ihr seht auch dort genau das, was ich seh. Aber da geht ihr Scheinheiligen natürlich nicht gerne hin, denn ihr wisst selbst genau da tut es vielleicht fürchterlich weh.

Wie immer auch heute viele Grüsse an alle anderen hier auf meiner Insel. Und selbstverständlich auch an diejenigen, die sich schon jetzt auf die Zieleinfahrt ihres neuen Helden Alberto Contador freuen. Wer will es ihnen denn verdenken. Ein Kolumnist am heutigen Tag bricht den Stab darüber ganz sicher nicht.



Weitere Artikel in der Rubrik Mallorca:
© 2007 power-labels.com