Ein Zeichen
Es ist in diesen Tagen schon fast zu einem Ritual geworden. Der Blick aus dem Fenster, als Allererstes direkt nach dem Aufstehen, läßt heute morgen jeglichen Unmut blitzartig verschwinden. Mallorca strahlt wieder in hellstem Sonnenschein, der Himmel endlich, Gott seis gedankt, so blau, wie es die Insel verdient. Ich freue mich.
Mein gestriges, schon fast flehentliches Stoßgebet ist anscheinend doch noch erhört worden. Ich werfe noch einen letzten mein Herz erwärmenden Blick nach oben und denke mir, es ist eine schöne Geste von Dir, daß Du heute, an dem Ehrentag Deines Liebsten auch an die Menschen hier auf Mallorca denkst. Sie haben es ganz sicher verdient, diesen besonderen Tag Deines obersten Hirten hier im herrlichsten himmelsblau zu erleben.
Papst Benedikt XVI. hat heute Geburtstag. Achzig Jahre alt ist er heute. Meine Gedanken gelten natürlich diesem Mann, dem obersten Hüter des katholischen Glaubens, dem Stellvertreter Christi. Der Blick der gesamten christlichen Welt ist heute auf die Heilige Stadt Rom gerichtet. Einer Stadt, in der dieser Mann bereits zu Zeiten seines Vorgängers Papst Johannes Paul II. als Dekan des Kardinalskollegiums und Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre weit mehr als zwanzig Jahre der mächtige, einflußreiche Mann im Hintergrund gewesen ist.
Manche behaupten sogar er war es, der die heimlichen Fäden zog, im Schatten des Heiligen Stuhl, im Vatikanstaat, der letzten und einzigen verbiebenen absoluten Monarchie Europas.
Seine geschliffene Rhetorik war es, die seit jeher eine eminent große Macht auf alle die ausübten, die um ihn versammelt waren. Man verlieh ihm daher bereits in seinen frühen Jahren den Spitznamen "Goldmund", in Anlehnung an einen der wortgewaltigsten aller Kirchenführer alter Zeiten.
Nur wenige von uns wissen auch, daß er seinen Vorgänger mehrmals um seine Entlassung bat, damit er sich in seiner bayerischen Heimat Pentling seiner zweiten großen Leidenschaft, der Schriftstellerei widmen konnte. Auch das letzte seiner Rücktrittsgesuche, welches die Kardinäle traditionell an ihrem fünfundziebzigsten Geburtstag zu stellen pflegen, lehnte Papst Johannes Paul II. ab. Und so setzte er seinen Dienst bis zum Ende des letzten Pontifikates weiter fort.
Mit diesem Blick zurück sage ich mir heute, es ist gut, daß sein Vorgänger diese Gesuche ablehnte. So konnte er seinem Schicksal, seiner Vorsehung, und damit seiner großen Verantwortung nicht entfliehen. Er, der schon in den jungen Jahren seines religiösen Wirkens einen fast revolutionären Weitblick bewies, in dem er klarstellte, daß es zu den moralischen Pflichten eines Papstes gehöre würde, vor jeder schwergewichtigen Entscheidung die Stimme der Kirche allumfassend zu hören. So waren damals seine Worte. Er kritisierte des weiteren, die Kirche habe zu straffe Zügel und zu viele Gesetze, sie sei zu zentralistisch und zu stark von Rom kontrolliert.
Wie recht er doch hatte, sage ich mir, und wenn er sich doch heute etwas mehr an seine frühen Worte erinnern könnte, dieser weise Mann. Seine vielen Jünger, ja die gesamte Christenschar würde es ihm nicht nur danken, ihre Zahl würde sich mit einem Schlag in einer Weise erhöhen, wie es seine Kirche schon seit vielen Jahrzehnten bereits nicht mehr erleben durfte.
Die Menschen warten so doch so inständig auf ein Zeichen von Dir, Du, der Du das Petrusamt doch inne hast. So viele suchen heute, in diesen schwierigen Zeiten des Wegfalls von Grenzen, Traditionen, ja ganzer Kulturen den festen seelischen Halt in einer Kirche, die endlich den Mut hat, sich ihrer alter Krusten zu entledigen.
Sei es die kirchliche Morallehre mit ihrer unnachgiebigen Haltung zu Zöllibat, zur Sexualität oder zur Empfängnisverhütung. Sei es Haltung zu den eigenen Verfehlungen in eurer schon so langen Kirchengeschichte. Die Menschen hier, wie auch überall auf dieser Welt, sie hätten es so lange schon verdient.
Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag rufe ich heute einmal Richtung Rom, Grüße auch an alle hier auf unserer schönen Insel, und nach drüben, nach Deutschland, Herzliche Grüße von der Insel Mallorca,
Ihr Marlon
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