Übermacht
Der neuerliche Dopingfall bei der Tour de France wird vermutlich ein weiteres Mal nur Achselzucken verursachen, weil der mit zumindest etwas gesundem Menschenverstand ausgestattete Beobachter genau damit gerechnet hat.
Ja, mehr noch, der begeisterte Zuschauer, der leidenschaftliche Fan dieser emotionsgeladenen und aufregenden Veranstaltung Tour de France war nicht nur sicher, dass Dopingfälle erneut auftreten werden, er weiss auch, dass dies auch in Zukunft nie zu verhindern sein wird.
Dazu ist dem etwas näher involvierten Zuschauer ebenfalls bewusst, dass das Dopingproblem politisch, wie auch juristisch nicht in den Griff zu bekommen ist. Die Gründe hierfür sind vielfältig.
Zum einen ist das ganze eine äusserst schwierige fachliche Materie, und zwar medizinisch und juristisch. Dies wird auch nicht begreifbarer, wenn alle Welt glaubt, in diesem Themenkomplex mitreden zu können und zu müssen. Im Gegenteil.
Zum anderen ist es aber auch ethisch wie moralisch extrem schwer zu erfassen. Wer betrügt hier denn wen, ist zunächst die erste Frage, deren Beantwortung schon deshalb nicht gelingen kann, weil in diesem fast schon mörderischen Sport anscheinend fast jeder irgendwelche medizinischen Eingriffe an seinem Körper vornehmen muss, damit er diese für einen neutralen Betrachter der Szenerie schier unmenschlichen Strapazen überhaupt noch bewältigen kann.
Die Frage nach der Moral und Ethik ist zudem in starkem Maße von dem Zustand genau der Gesellschaft abhängig, die sich mit diesen Fragen von Moral und Ethik beschäftigt. Nach welchen Grundsätzen handelt diese Gesellschaft, und, das ist die entscheidende Frage, wer sind ihre Vorbilder und nach welchen Kriterien handeln denn eigentlich diese Vorbilder, so sie überhaupt existieren.
Und genau an diesem Punkt liegt der Hase begraben, daran scheiden sich die Geister. Denn, zumindest lebende Vorbilder, Vorbilder, zu denen man empor schauen kann, an denen sich heranwachsende Generationen orientieren können, die gibt es bereits seit längerem nicht mehr.
Oder wenn es diese noch vereinzelt gibt, dann sind sie kaum noch auszumachen, weil die anderen, die Vorbilder, denen man eher das Etikett zweifelhaft anheften müsste, jedwede Bildfläche einnehmen und beherrschen.
Ob nun in der Politik oder Wirtschaft, ob im Inland oder Ausland. Wo man auch hinschaut, diejenigen, die dominieren und den Ton angeben, die, die allen anderen zeigen und sagen, wo es lang geht, diese leben genau die Werte vor, die sich in der Verhaltensethik des Leistungssports genauso wiederspiegelt wie in den meisten anderen Bereichen unserer Gesellschaft.
Eine den Hals des angewiderten Beobachters der Zeitgeschichte schier zuschnürende verlogene Moral, ein rücksichtsloser Egoismus, ein zunehmend pervertierter erscheinender Geld-Lobbyismus, ein grenzenloses Spiel mit der Macht, mittlerweile schon fast ungeachtet der Staatsform eines Landes auf unserem Globus. Und dies, wo man auch hinschaut.
Dass hier ausgerechnet diese Vorbilder von denjenigen, die sie auf die höchsten Gipfel der Alpen und Pyrenäen hetzen, wohlwissend, dass ein normal Sterblicher dabei die für einen Sieg nötigen Höchstleistungen in dem gegebenen gesellschaftlichen Umfeld ohne ärztliche Hilfe und ohne Manipulation an seinem Körper gar nicht erbringen kann, dass ausgerechnet unsere heute lebenden Vorbilder dies einfordern, zeigt einem Kolumnisten einmal mehr, dass hier einiges schon lange nicht mehr stimmt.
Und solange diese Bushs, Schröders, Fischers, Scharpings, Schäubles, Merzs, Putins, Blairs, Sarkozys, Schrempps, Berlusconies und wie sie alle noch heissen mögen, ach, diese Liste hier ist im Grunde endlos fortzusetzen.
Solange diese Vorbilder noch in der Übermacht existieren und den Menschen in dieser Welt in ihrem eigenen Verhalten nachdrücklich aufzeigen, nach welche hehren Prinzipien und Werten zu handeln ist, solange wird sich am Verhalten aller anderen, gerade und auch im erbitterten Wettbewerb eines Profisports nicht sehr viel ändern.
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