Die Frage nach dem Blickwinkel
Wenn dies so weitergeht, dann wird doch noch der Notstand ausgerufen, hier auf Mallorca. Und damit natürlich dann auch in den anderen Landesteilen Spaniens.
Das wenig Lustige an der Situation ist, dass dieser Notstand dann genau wegen dem Sachverhalt ausgerufen werden würde, weswegen Jahr für Jahr Millionen an Urlaubern unsere schöne Insel besuchen.
Nahezu alle Touristen sehnen sich nach dem, was sie zuhause in ihren eigenen Ländern leider nicht vorfinden, oder nicht so. Sonne, Strand und ein weites Meer, türkisfarben muss es am besten sein. Wenn dies vorhanden, was will das Urlauberherz denn noch viel mehr.
Der Run auf Mallorca ist letztendlich auch eine Flucht vor einem mehr oder weniger durchwachsenen Sommerwetter zuhause, je nach Blickwinkel und Sichtweise muss man da allerdings hinzufügen. Denn nicht alle denken in dieser Weise, obwohl die diesjährigen Juli-Temperaturen von oft nur zehn bis fünfzehn Grad in der Spitze an den Nervenenden Millionen Deutscher zu nagen scheinen.
Wie immer sind es die Menschen im Norden des Landes, die hierunter ganz besonders leiden. Geradezu grotesk und so richtig schön gemein ist dabei die Tatsache, dass mit abnehmender Entfernung zu den norddeutschen Küsten der Ostsee oder auch Nordsee das Sauwetter auch noch zunimmt.
Werde ich von dem da oben auf die Schippe genommen, und wenn ja wieso eigentlich immer ich, diese und ähnliche Fragen werden in diesen Wochen wieder einmal von so Manchem gestellt. Oder hat da etwa doch der Leibhaftige seine Hände im Spiel, könnte sich der eine oder andere ebenso fragen.
Wie dem auch sein, man organisiert am besten die eigene Flucht, gemeinsam mit zahllosen anderen Leidensgenossen wird diese dann ganz schnell zur Massenflucht. Und diese führt, wie jeder weiss, als Allererstes hierher, zu uns nach Mallorca.
Wie herrlich sind doch zuhause die Träume von unserem mallorquinischem, mediterranen Flair. Rein in den Flieger, nach wenigen Stunden landen, und dann so schnell es irgend geht hinunter zum Strand. Sonnenbaden und einfach nur abtauchen, in herrlich saubere Fluten des Mittelmeeres.
Entspannung und Erholung pur, wer hätte es denn auch nicht verdient, die Keulerei im globalisierten Lebensalltag fordert jedermanns Tribut. Ein Kolumnist ist da an der vordersten Front derer zu finden, die sich über erlebte Urlaubsfreuden unserer Gäste aus Deutschland ganz besonders freuen.
Und bei diesem Punkt sind wir wieder bei dem gerade eben erwähnten Blickwinkel. Dieser orientiert sich erfahrungsgemäss an der Perspektive des jeweiligen Betrachters. Und diese Perspektive ist auf Mallorca in den Sommermonaten ganz gehörig anders.
Um nicht zu sagen dramatisch anders. Mallorca, wie auch der grösste Teil Spaniens, leidet unter einer afrikanischen Hitzewelle. Wieder einmal, muss man sagen. Und erneut sind es die sowieso schon üblicherweise heisstesten Monate des Jahres, dann, wenn etwa die Hälfte aller Inselbesucher eines gesamten Jahres hier ihren Urlaub verbringen.
Die Dramatik erkennt man leicht auch daran, dass die Gesundheitsministerien des Landes, wieder einmal, aktiv geworden sind. Auch hier auf den Balearen, genauer in der Regierungshauptstadt Palma, erarbeitet man derzeit einen Notfallplan.
Die üblichen Tips, gerade jetzt seitens der zuständigen Ministerin in einer Presserklärung veröffentlicht, können da leider nur als die üblichen Binsenwahrheiten bezeichnet werden. Margarita Nájera, so lautet ihr Name, rät viel zu trinken, ganz besonders auch wenn man eigentlich gar keinen Durst verspürt. Richtigerweise sagt sie dies, denn das kann in diesen Tagen überlebenswichtig sein.
Weiterhin soll man zumindest mittags keinen Sport treiben, sich im Schatten aufhalten und besser nur leichte Kleidung zu tragen. Wenig aufschlussreich fürwahr, aber was soll die Dame auch jetzt gross sagen. Die ganze Wahrheit wäre ja noch viel schlimmer.
Denn diese würde lauten, bitte zur Zeit keinen Urlaub hier auf Mallorca verbringen, und wenn doch, dann auf keinen Fall am hellichten Tag. Temperaturen über fünfundzwanzig Grad haben wir hier bereits im Dunkeln, des Nachts, und bis um acht Uhr am Morgen kann man es noch recht gut da draussen aushalten. Aber spätestens dann müsste es lauten, Marsch, Marsch, zurück ins Hotel, oder in die Ferienwohnung, hoffentlich alles klimatisiert.
Wenn hier der eine oder andere meiner Leser ein klein wenig Zynismus heraushört, dieser ist hier leider Gottes überhaupt nicht erforderlich, denn so und nicht anders stellt sich die Situation hier auf Mallorca im Sommer nunmal dar. An der bitteren Wahrheit kommt man manchmal nicht vorbei.
Und auf dem spanischen Festland ist es sogar noch einmal dramatisch schlimmer, insbesondere im Landesinnern. Dort haben die Menschen nicht einmal diese zumindest einmal psychologisch wertvolle Seebrise, die man an den Küsten und teilweise auch im Innern der Baleareninseln verspüren darf.
Die Frage, die ich mir Jahr für Jahr aufs Neue stelle, wieso muss man unbedingt in den Monaten Juli und August seinen Urlaub auf Mallorca verbingen. An der Schulpflicht kann es alleine nicht liegen, denn, wer hat denn überhaupt noch Kinder.
Wie so oft im Leben ist der Mensch auch hier ein Gewohnheitstier. Der seine Lektion anscheinend erst dann lernt, wenn er Unangenehmes am eigenen Leibe verspürt. Und genau das sollte in diesen Wochen hier Mallorca eigentlich nicht geschehen.
Mein heutiger Gruss von Mallorca hinüber nach Deutschland ist jetzt quasi ein Gruss von Gewohnheitstier zu Gewohnheitstier. Keine zehn Pferde würden mich in den Sommermonaten hierher nach Mallorca bringen, nun bin ich aber leider schon hier. Und lebe hier bereits seit langer Zeit.
Ihr da drüben, ihr wollt euch im Sommer unbedingt an der zu diesem Zeitpunkt gesundheitsschädlichen Mallorca-Sonne berauschen. Dagegen ich, wie zahllose andere hier, wir würden in dieser Zeit am liebsten auf der Stelle mit euch tauschen.
Wie immer grüße ich auch heute alle anderen hier auf meiner Insel. Sozusagen Grüße an alle meine Leidensgenossen. Wir sehen uns dann heute Abend wieder, ab zweiundzwanzig Uhr, wie fast immer im mallorquinischen Sommer.
Und heute tanzt ein ganz besonderer Bär hier auf der Insel, genauer, in Inca. Heute ist der dreissigste Juli, Sants Abdó i Senén, festa patronal steht auf der Tagesordnung. Ein Feiertag mit einer Riesenstimmung, in der vom Massentourimus so wohltuend verschonten Inselmittestadt. Dieses Fest ist ein absolutes Muss, und genau deshalb ist ein Kolumnist auch diesmal wieder mittendrin.
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