Hype-Los
Viele IT-Insider hatten das Projekt von Anfang mit äusserst kritischen Augen gesehen, im Grunde sogar zum Scheitern verurteilt. Und wie es nun aussieht, könnte diese Erwartung schneller Realität werden, als es den Betreibern lieb ist.
Die Rede ist von einer virtuellen dreidimensionalen Welt, der Science Fiction Roman Snow Crash könnte die Vorlage dazu gewesen sein. In dieser virtuellen 3D-Welt sollten Menschen spielen, handeln und miteinander kommunizieren können. Ihr Name, Second Life, diese künstliche Computerwelt wurde entwickelt, wie könnte es anderes sein, in den USA, in San Francisco.
Vorgestellt wurde das Projekt bereits im Jahr 2002, ein Jahr später war es online. So richtig los ging es allerdings erst vor einigen Monaten, im Zuge des ebenfalls von vielen Insidern mit kritischen Augen begutachteten Web 2.0 Hype erlebte Second Life im ersten Halbjahr 2007 einen rasanten Zulauf.
Dieser führte dazu, dass diese künstliche Welt nach Angaben der Betreiber inzwischen mehr als acht Millionen registrierte Nutzer haben soll, von denen rund um die Uhr durchschnittlich zwischen 15.000 und 50.000 das System angeblich aktiv nutzen würden. Diese Zahlen sind schwierig überprüfbar, aussagekräftiger ist da schon eher das Nutzerverhalten.
Und dieses treibt dieser aufwendigen und damit teuren virtuellen Welt die Sorgenfalten ins Gesicht. So wie es derzeit bei vielen Web 2.0 Plattformen der Fall ist. Nach der grossen Euphorie noch vor wenigen Monaten kehrt nun allgemeine Nüchternheit ein, denn vor allem diejenigen, die das Projekt am Anfang gutgehiessen, wenden sich nun schon wieder ab.
American Way of Life könnte man da einfach sagen, denn dort zählt nunmal das, was zwischen Daumen und Zeigefinger letzendlich übrig bleibt.
US-Firmen flüchten aus Second Life, geradezu einem Knockout kommen die jüngsten Schlagzeilen gleich. Während es gerade eben noch, mitten im Web 2.0 Hype für Markenhersteller schick und trendig gewesen ist, viel mehr sogar, nämlich zum guten Ton gehörte, eine Filiale in dieser virtuellen Welt zu eröffnen, machen diese bereits jetzt ihre Läden in Secon Life wieder dicht.
Verlassene Unternehmens-Inseln und leere Auslagen prägen das Bild. Das angesehene Blatt Los Angeles Times berichtet dieser Tage in einer Reportage ausführlich über den tatsächlichen Zustand von Second Life. Der Computerhersteller Dell gab seine Insel auf, ebenso wie andere namhafte Hersteller.
Ein Unternehmensprecher meint auf Anfrage dazu, dass Unternehmen, die ihre Präsenz geschlossen haben, sich fragen lassen müssten, ob ihr Atem lang genug war und was sie bei ihrem Auftritt falsch gemacht haben könnten. Dies klingt nach recht starkem Tobak. Aber es wird noch besser, denn weiter heisst es, wenn ein Unternehmen Interesse hat, an dieser Entwicklung teilzunehmen, müsse es mit Second Life durch diese Phasen gehen.
Der erstaunte Beobachter stellt sich nun die Frage, wieso ein Unternehmen bei mangelnder Rentabilität Interesse daran haben könnte ein Projekt eines anderen Unternehmens zu unterstützen. Wie immer natürlich geht es dabei um jede Menge Geld, vor allem Online-Werbegelder.
Denn wenn das nicht ausreichend fliesst, dann wirds dramatisch. Und dann ist natürlich Konkurrenz auf dem Markt, auch andere glauben und hoffen noch an dem Web 2.0 Hype in irgendeiner Form teilhaben zu können.
Über die wirklichen Gründe eines im schlimmsten Falle drohenden Totalabsturzes redet man nicht so gerne. Wie im Internet allgemein zu beobachten, drängen sich auch bei Second Life mehr und mehr Glücksspiele und sexuelle Angebote in den Vordergrund. Kritisiert wird auch die rückständige Grafik und eine mit Fehlern behaftete Software.
Noch schlimmer, die Teilnehmer müssen mit häufigen Geschwindigkeitsproblemen, Funktionsaufällen und Abstürzen leben, Updates verursachen oft mehrstündigen Offlinezeiten der Second Life-Welt. Immer mehr Nutzer von Internetangeboten dieser Art empfinden dies als Zumutung und Desaster.
Man wirft dem Betreiber Planlosigkeit vor, dieser scheint auch vor dem Hintergrund einer Klage gegen ihn vor dem Obersten US-Gerichtshof mit dem Rücken an der Wand, die Gesamtfinanzierung von Second Life steht auf dem Spiel.
Experten kritisieren noch dazu, dass eine übermäßige Teilnahme an dem virtuellen zweiten Leben von Second Life eine Suchtgefahr darstelle und zu einer Überschuldung führen können. Mehr noch, der Jugendschutz ist auf Second Life nicht gewährleistet, was speziell angesichts der zahlreichen Erotik- und Pornographieangebote mehr als bedenklich ist.
So wird Second Life vorgeworfen die Plattform nicht genügend gegen kriminelle Absichten zu schützen. Das ARD-Magazin Report nat nach eigenen Angaben kinderpornographische Inhalte entdeckt, virtuelle Kinder sollen dort vergewaltigt werden. Die belgische Polizei hat sogar die Tat eines mutmaßlichen Straftäters im wirklichen Leben verfolgt.
Dies alles und dass die Ökonomie von Second Life Charakteristika eines Schneeballsystems aufweisen soll, könnte abermals der Anfang vom Ende einer weiteren Web 2.0 Idee sein.
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